Warum wandere ich? Meine Gründe fürs Trekking

Freitag, 11. September 2026
Serie Outdoor S2 • E35
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Lesedauer: 13 Minuten

Es war der letzte Kilometer meiner Umrundung von Fehmarn. Mein Körper teilte mir mit jedem Schritt seinen Zustand nach den vielen Kilometern mit, die noch mal rauskommende Sonne brannte, die schwüle Wärme drückte und auch ein letztlich entstandener Hydrierungsmangel spielte in meinem Kopf Ping-Pong.

Mitten in dieser Anstrengung mit ihren körperlichen und psychologischen Auswirkungen auf mich kam sie wieder hoch, jene Frage, die seit meinen ersten Touren eigentlich immer mal in mir aufpoppt und auf die ich hier ehrlich antworten will. Warum tue ich mir das eigentlich an? Eine Frage, die dir die Outdoor-Influencer überwiegend vorenthalten, wenngleich ich darauf wetten würde, dass diese Frage in ihren Köpfen auch regelmäßig existiert.

In diesem Beitrag nehme ich dich mit auf die Suche nach meiner ganz persönlichen Antwort. Ich erzähle dir, wie mein Warum überhaupt entstanden ist und was die Natur, die Zeit und mein eigener Kopf damit zu tun haben. Es geht nicht um Postkartenidylle, sondern um das ehrliche Gefühl, das mich immer wieder losziehen und durchhalten lässt, gerade dann, wenn es wehtut.


Kurze inhaltliche Übersicht



Wie mein Warum aus einem drohenden Burnout entstand

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Am Anfang meines Weitwanderns stand keine romantische Sehnsucht nach der Wildnis, sondern ein schleichender Verfall. Körperlich und mental ging es mir vor gut zwei Jahren deutlich schlechter, als es für mein Alter normal gewesen wäre. Ich steuerte auf einen drohenden Burnout zu und spürte, dass ich etwas ändern musste, bevor mir die Sache endgültig entgleitet.

Trekking wurde für mich der Weg zurück zu mir selbst und in die Gesundung. Erst ganz zaghaft, mit wackeligen Wanderungen und einer Ausrüstung, von der ich damals noch keine Ahnung hatte.

Dann mit mehr System, also mit Trainingseinheiten, Shakedown-Hikes und schließlich den ersten echten Mehrtagestouren, auf denen ich Nacht für Nacht autark unter freiem Himmel schlief.

Und genau da tauchte die Frage nach dem Warum zum ersten Mal richtig auf. Denn irgendwann wurden die körperlichen Anstrengungen in Verbindung mit den äußeren Gegebenheiten so groß, dass ich mich mitten im Schweiß fragte, warum ich mir das freiwillig antue. Diese Frage hat mich nie mehr ganz losgelassen, denn sie ist der rote Faden hinter all meinen Touren geworden.

Information: Was autarkes Weitwandern bedeutet

Autark bedeutet, dass du alles Lebensnotwendige selbst dabei hast, also Schlafplatz, Nahrung, Wasseraufbereitung und Kleidung für das zu erwartende Wetter. Du bist unabhängig von Hütten oder Hotels und schläfst im Zelt, Tarp oder Shelter. Beim Weitwandern oder Thru-Hiking legst du dabei über mehrere Tage oder Wochen lange, zusammenhängende Strecken zurück, Kilometer für Kilometer aus eigener Kraft.

Diese Unabhängigkeit war für mich von Anfang an das Faszinierende. Alles, was ich brauche, auf dem eigenen Rücken zu tragen und trotzdem zufrieden zu sein. Und je öfter ich draußen war, desto klarer schälten sich drei Dinge heraus, die mein Warum tragen.


Wie Trekking mich der Natur wieder näherbringt

Der erste Grund klingt fast zu einfach, denn es ist die Natur selbst. Nach Jahrzehnten in geschlossenen Räumen, Büros und Cockpits war das Draußensein für mich wie eine Rückkehr an einen Ort, von dem ich gar nicht wusste, dass ich ihn vermisst hatte.


Kein Besucher, sondern mittendrin in der Natur

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Es gibt auf meinen Touren und Trainingsrunden immer wieder diese Momente, in denen ich mich nicht mehr wie ein Besucher fühle, sondern wie ein Teil des Ganzen.

Wenn mir bei Dämmerung ein Reh oder ein Fuchs begegnet und wir uns beide kurz anschauen, bevor jeder weiterzieht. Wenn ein Rudel Rothirsche meinen Weg kreuzt, das Rudel Dammwild keine hundert Meter von meinem Lagerplatz zum Grasen auf die Wiese tritt oder nachts dann die Rehe bellen, die Füchse schreien oder Eulen rufen. Dann bin ich für diesen einen Moment einfach ein Lebewesen unter anderen.

Genauso wirken die stummen Zeugen der Naturgewalten auf mich. Wenn ich an der Ostseeküste die weit vorangeschrittene Erosion an den Steilküsten sehe, die Spuren der letzten, sehr schweren Sturmflut, wird mir mein eigener Maßstab wieder klar. Die Natur arbeitet in ganz anderen Zeiträumen und Dimensionen als mein Alltag mit seinen Terminen und Deadlines. Und genau dieses Erleben der Natur als Teil davon erdet mich jedes Mal aufs Neue.


Die kleinen großen Dinge wieder spüren

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Draußen lerne ich die kleinen großen Dinge wieder zu schätzen, die im Alltag komplett untergehen.

Ein Schluck Wasser mit ein bisschen Geschmack darin oder gar eine eiskalte Cola fühlen sich nach einem langen, heißen Wandertag an wie ein kleines Fest.

Eine warme Dusche in der Zivilisation eines Campingsplatzes wird zum puren Luxus, über den ich mich wieder ehrlich freuen kann, statt ihn für selbstverständlich zu halten.

Und dann ist da diese Ruhe. Diese vollkommene Friedlichkeit, wenn ich abends vor dem Zelt sitze und außer dem Wind und ein paar Vögeln nichts zu hören ist. Es ist genau diese Stille und Genügsamkeit, die mir zeigt, wie viel Lärm und Überfluss ich sonst mit mir herumtrage.


Entschleunigung beim Weitwandern und ein neues Zeitgefühl

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Der zweite Grund ist die Zeit oder genauer gesagt mein völlig verändertes Gefühl für sie.

Zu Hause habe ich ständig zu viele Dinge gleichzeitig im Kopf, viele Kontextwechsel innerhalb kürzester Zeit und die Zeit rennt gefühlt. Tage vergehen und ich frag mich, was ich eigentlich erreicht habe.

Auf einer Mehrtagestour dreht sich dieses Verhältnis für mich komplett um, denn dort geht es nur um drei Dinge, die wie das täglich grüßende Murmeltier wiederkehren. Um mehr geht es stark kondensiert betrachtet nicht.

Bei jeder längeren Tour reduziert sich mein Leben auf einen wunderbar einfachen Rhythmus aus Walk, Eat, Sleep, Repeat.

Es gibt keine zeitlichen Verpflichtungen, keine Kalendereinträge, keine Erreichbarkeit. Ich gehe los, wenn ich fertig bin und ich komme an, wenn ich ankomme. Diese radikale Schlichtheit gibt es im normalen Leben einfach nicht mehr...

Genau dieses Gefühl hatte ich auch bei den letzten Metern meiner Fehmarn-Umrundung. Die Zeit hatte eine andere Geschwindigkeit, ich war ganz bei mir und im Jetzt, statt gedanklich bei irgendwelchen Alltagsproblemen zu sein.

Diese Form der Entschleunigung ist für mich keine Wellness-Floskel, sondern etwas, das man erst begreift, wenn man tagelang nichts anderes tut als gehen und die Umwelt in einer Geschwindigkeit zu erleben, in der das menschliche Gehirn die Ereignisse, Erlebnisse, das Gesehene auch verarbeiten kann.


Was Trekking mit meinem Kopf und meiner mentalen Gesundheit macht

Der dritte und für mich wichtigste Grund spielt sich im Kopf ab. Denn Trekking tut meiner mentalen Gesundheit unfassbar gut, aber eben nicht, weil es leicht wäre, sondern gerade weil es schwer ist.


Warum mich die Wildnis mental gesünder macht

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Wenn ich draußen bin, bekomme ich so richtig schön den Kopf frei. Die kreisenden Gedanken, die mich im Alltag manchmal auffressen, verlieren beim Gehen ihre Macht und Schritt für Schritt schrumpfen sie auf ein vernünftiges Maß zusammen, bis sie teilweise sogar gar nicht mehr in meinem Kopf sind.

Dazu kommt das Erfolgsgefühl. Ich erlebe etwas, das nicht viele erleben und ich leiste etwas, das nicht viele in unserer mittlerweile von Bequemlichkeit geprägten Gesellschaft schaffen.

Dieses Gefühl, an einem Ziel anzukommen, das ich mir mit Muskelkraft und Willen erarbeitet habe, löst bei mir jedes Mal eine kleine Welle aus Freude und Stolz aus. Diese Hormonausschüttung ist Balsam für meine Psyche und einer der Gründe, warum ich trotz aller Strapazen und Entbehrungen immer wieder losziehe.

Link: Warum Outdoor-Aktivitäten glücklich machen

Warum das Draußensein tatsächlich auf die Stimmung wirkt und was dabei im Körper passiert, habe ich in einem eigenen Beitrag genauer aufgeschrieben. Schau dazu gern in Warum Outdoor-Aktivitäten glücklich machen.

Es ist also kein Zufall, dass ich mich nach jeder Tour aufgeräumter fühle als vorher. Die Kombination aus Bewegung, Natur und dem Bewältigen echter Herausforderungen ist für mich die ehrlichste Therapieform, die ich kenne.


Wenn Trekking wehtut und ich an meine Grenzen gehe

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Jetzt kommt aber die andere Seite und die gehört zur ehrlichen Antwort unbedingt dazu. Diesen Moment, in dem innerlich die Frage auf, warum ich mir das überhaupt antue, gibt es bei mir bei fast jeder Tour. Immer dann, wenn ich an meine körperlichen Grenzen stoße, die äußeren Bedingungen ungünstig erscheinen oder wenn es einfach nur endlos monoton wird und ein Kilometer wie der andere aussieht.

Wie sich so ein monotoner Zermürbungskampf anfühlt, habe ich zum Beispiel auf meiner Wintertour beschrieben, nachzulesen unter Drei Tage Winterwandern auf Falster und Lolland.

Echte Zweifel habe ich ehrlicherweise trotzdem nur an zwei Stellen, nämlich in der Vorbereitung einer Tour und dann, wenn mir überraschend das Wetter bspw. mit heftigen Gewittern dazwischenfunkt. Wie schnell so ein Gewitter eine Tour beenden kann, zeigt mein abrupt beendete Bungsberg-Runde.

In genau diesen Momenten habe ich ein von den US Navy Seals angewandtes Mantra, das ich mir immer wieder vorsage. Und während ich mir das gebetsmühlenartig immer wieder sage, stelle ich mir dann vor, was alles noch viel schlimmer sein könnte und merke, dass meine aktuelle Situation eigentlich gar nicht so schlimm ist.

Zitat von US Navy SEALs

Embrace the suck.

Dieses „nimm das Elend an, statt gegen es anzukämpfen" hat für mich mit meinem eigenen Hintergrund eine besondere Wucht. Es dreht den Spieß um. Das Unbehagen ist nicht der Feind, sondern Teil des Deals und in dem Moment, in dem ich das akzeptiere, verliert es die Macht über mich.

Hinweis: Unterschätze das Solo-Weitwandern nicht

So wertvoll das Alleinsein draußen auch ist, die mentalen Tiefpunkte, plötzliche Wetterumschwünge und die Wasserversorgung sind reale Risiken und keine Nebensache. Plane konservativ, informiere jemanden über deine Route und habe für Gewitter und Kälte immer einen Plan B. Ein Mantra ersetzt keine solide Vorbereitung.

Und trotzdem, wenn ich ehrlich bin, ist es genau dieses Ringen an der Grenze, das mich am tiefsten erfüllt. Nicht nur das leichte Schlendern, sondern besonders das Durchhalten trotz allem gibt mir das stärkste Gefühl, wirklich zu leben.


Warum ich das Weitwandern nicht mehr missen will

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Wenn ich meine bisherigen Touren zusammenfasse, dann ist mein Warum kein einzelner Grund, sondern ein Dreiklang.

Die Natur holt mich zurück in eine echte Verbundenheit, die Zeit und damit die Wahrnehmung läufen draußen endlich in meinem eigenen Takt und mein Kopf wird auf eine Weise gesünder, als ich mir vorher nicht hätte vorstellen können.

Dass all das seinen Preis in Schweiß, Blasen, Entbehrungen und Zweifeln hat, gehört untrennbar dazu und macht es paradoxerweise für mich nur wertvoller.

Und dann waren da diese letzten Kilometer während meiner Fehmarn-Umrundung, die ich zu Ehren meines zwei Jahre zuvor verstorbenen Vaters angegangen bin, weil seine Familie von Fehmarn kommt. Das Ziel kam in Sicht kam und ich habe auf diesen letzten Kilometern angefangen, darüber nachzudenken, was mein Vater wohl sagen oder denken würde, wenn er wüsste, dass ich diese Runde für ihn gehe. Ein sehr stiller, emotionaler Moment, in dem ich die Strceke gar nicht mehr richtig wahrnahm.

Am Ziel angekommen, war ich mir plötzlich innerlich ganz sicher. Er wäre stolz auf mich gewesen und ich darf es auf mich selbst auch sein.

Vielleicht ist das am Ende die ehrlichste Antwort auf die Frage, warum ich wandere. Ich gehe los, um mir selbst zu begegnen und ich komme zurück ein kleines Stück klarer, dankbarer und erfüllter als vorher. Meine gesamte Fehmarn-Umrundung kannst du übrigens in zwei Teilen nachlesen, nämlich in Teil 1 und Teil 2.

Tipp: Fang klein an

Du musst nicht mit einer mehrtägigen Umrundung starten. Beginn mit einer Tagestour, dann mit einem einzelnen Overnighter im Shelter und taste dich langsam an längere Strecken heran. Dein eigenes Warum findest du nicht am Schreibtisch, sondern draußen, schon auf den ersten Kilometern vor der Haustür.


Und du? Ich würde zu gern wissen, was dich losziehen lässt oder was dich bisher davon abhält. Erzähl mir von deinem eigenen Warum, stell mir deine Fragen zum Einstieg oder schreib mir einfach, welcher der drei Gründe dich am meisten anspricht. Nutze dafür gern mein Kontaktformular, ich freue mich auf deine Nachricht und antworte dir persönlich.


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Ich bin ein liebevoller Vater, Candourist, Stoiker, Agilist, Product Owner, Hauptmann der Reserve, Diplom-Kaufmann, ausgebilderter Verkehrspilot (ATPL-Credit) und Weitwanderer.

"Casa Buitoni" ist seit meiner Studienzeit mein Spitzname als passionierter Pasta-Konsument und somit Namensgeber meines Blogs.
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