So verspielt die Bundeswehr ihren Aufwuchs
Dienstag, 06. Oktober 2026
Vor ein paar Wochen war ich erstmals beim Trecker Treck in Brunstorf. Wie in den Jahren zuvor war auch die Bundeswehr als werbender Aussteller vor Ort, um junge Menschen für den Dienst an der Waffe zu begeistern.
Ich habe die Werbeauftritte der Bundeswehr über Jahrzehnte hinweg beobachtet, als Jugendlicher, als Soldat und heute als Zivilist. Und genau dieser Vergleich hat mich diesmal nachdenklich gemacht.
Was ich in Brunstorf gesehen habe, steht in einem seltsamen Widerspruch zu dem, was die Bundeswehr wegen der internationalen Lage und den NATO-Vorgaben zur Erlangung der Verteidigungsfähigkeit eigentlich dringend braucht, nämlich echten personellen Aufwuchs.
In diesem Beitrag erzähle ich dir, was ich in Brunstorf konkret erlebt habe, wie es sich zum Vorjahr und zu meinen eigenen Jugenderinnerungen verhält und warum ich glaube, dass die Bundeswehr mit solchen Auftritten den dringend benötigten Nachwuchs eher verprellt als gewinnt.
Kurze inhaltliche Übersicht
Vom Leopard 2 zum Patriot-Startgerät
In diesem Jahr sah die Sache aus meiner Sicht anders aus. Statt eines Kampfpanzers gab es neben dem oblogatorischen Werbe-Wohnmobil noch einen Bagger, einen Logistik-LKW und ein Startfahrzeug des Flugabwehrraketensystems Patriot zu sehen. Und als wenn das nicht schon armseelig genug wäre, bestand die einzig gebotene "Action" darin, den Arm der Abschussrampe über einen Knopf langsam im oder gegen den Uhrzeigersinn zu drehen. Ernsthaft?
Ich will nicht falsch verstanden werden. Es geht mir nicht darum, junge Menschen mit martialischer Show zum Wehrdienst zu locken. Es geht mir darum, dass man interessierten Jugendlichen wenigstens ansatzweise realistisch zeigt, was sie beim Wehrdienst mit dem entsprechenden Gerät tatsächlich erwartet. Ein langsam rotierender Raketenwerfer-Arm leistet das aus meiner Sicht nicht!
Mölln in den 80iger Jahren: Als Wehrtechnik noch live erlebbar war
Ich war damals etwa zwölf Jahre alt und einfach nur begeistert von allem, was ich dort gesehen habe. Ich verbrachte sowohl den Samstag als auch den Sonntag dort und kam nur zum Mittagessen nach Hause.
Dort standen nämlich flugunfähige Kampfflugzeuge wie der Starfighter und der Tornado neben dem Kampfpanzer Leopard 1, dem Schützenpanzer Marder, dem Brückenlegepanzer Biber und dem Transportpanzer Fuchs. Und all das wurde nicht nur ausgestellt, so dass man die Fahrzeuge besteigen konnte, sondern auch in Action vorgeführt.
Am meisten fasziniert hat mich der Tornado. Klar, der Film Top Gun hatte auch in mir den Wunsch, Kampfpilot zu werden, ausgelöst. Und ich durfte damals sogar im Cockpit sitzen und dieses Gefühl habe ich bis heute nicht vergessen.
Tipp: Alte Wehrtechnik selbst erleben
Wenn du historisches Wehrgerät wie den Leopard 1 oder den Transportpanzer Fuchs live sehen möchtest, lohnt sich ein Besuch in einem Wehrtechnik- oder Panzermuseum in deiner Nähe. Ich kann das Panzermuseum in Munster sehr empfehlen!
Willst du das aktuelle Gerät der Bundeswehr sogar in Action erleben, sind die Tage der offenen Tür der Bundeswehr eine gute Gelegenheit dafür.
Wenn du historisches Wehrgerät wie den Leopard 1 oder den Transportpanzer Fuchs live sehen möchtest, lohnt sich ein Besuch in einem Wehrtechnik- oder Panzermuseum in deiner Nähe. Ich kann das Panzermuseum in Munster sehr empfehlen!
Willst du das aktuelle Gerät der Bundeswehr sogar in Action erleben, sind die Tage der offenen Tür der Bundeswehr eine gute Gelegenheit dafür.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir auch eine betriebsbereite Bell UH-1D, der "Teppichklopfer", damals der leichte Transporthubschrauber der Bundeswehr. Mit diesem wurden sogar Rundflüge über Mölln angeboten. Das war echte, greifbare Erlebniswerbung, wie sie auch die USA-Streitkräfte heute noch betreiben. Kein Vergleich zu einem Wohnmobil mit beistehendem Bagger, Logistik-LKW und Patriot-Startsystem...
Aufgeplatztes Sofakissen statt Vorbild
Auch der Auftritt des Standpersonals hat mich als ehemaligen Offizier der Bundeswehr nachdenklich gestimmt. Ehrlich gesagt saßen die Uniformen so, dass die Soldatinnen und Soldaten aussahen wie ein aufgeplatztes Sofakissen. Zumindestens hätte man das zu meiner Dienstzeit so gesehen. Heute scheint das alles etwas anders und vollkommen ok zu sein. zumindest sah die anwesende Offizierin auch nicht besser aus...
Hinweis: Vorbildfunktion nicht unterschätzen
Gerade bei Werbeveranstaltungen ist das Erscheinungsbild des Personals kein Nebenschauplatz. So sieht die Bevölkerung, dass die Bundeswehr wohl kaum verteidigungsfähig ist.
Für viele junge Menschen kann der erste persönliche Kontakt mit Soldatinnen und Soldaten prägend dafür sein, welches Bild sie sich vom Dienst machen.
Gerade bei Werbeveranstaltungen ist das Erscheinungsbild des Personals kein Nebenschauplatz. So sieht die Bevölkerung, dass die Bundeswehr wohl kaum verteidigungsfähig ist.
Für viele junge Menschen kann der erste persönliche Kontakt mit Soldatinnen und Soldaten prägend dafür sein, welches Bild sie sich vom Dienst machen.
Ich hätte meine mir anvertrauten Soldatinnen und Soldaten so jedenfalls nicht auf eine Werbeveranstaltung geschickt. Ein gepflegtes, selbstbewusstes Auftreten ist für mich unter dem Stichwort "Feldhygiene" ein Grundsatz und zur Nachwuchsgewinnung sicherlich auch nicht unwichtig, genauso wie das ausgestellte Gerät selbst.
Bundeswehr-Aufwuchs in Zahlen: Bewerbungen ja, Substanz nein
Damit ich hier nicht nur aus dem Bauch heraus urteile, habe ich mir die aktuellen Zahlen zur Bundeswehr-Nachwuchsgewinnung angesehen. Und die zeigen ein durchaus zwiespältiges Bild.
Information: Bewerbungen im Höhenflug
Bis Ende Juli 2026 registrierte die Bundeswehr rund 47.300 Bewerbungen für militärische Laufbahnen, ein Plus von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Truppenstärke erreichte mit rund 186.700 Soldatinnen und Soldaten den höchsten Stand seit etwa 13 Jahren.
Bis Ende Juli 2026 registrierte die Bundeswehr rund 47.300 Bewerbungen für militärische Laufbahnen, ein Plus von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Truppenstärke erreichte mit rund 186.700 Soldatinnen und Soldaten den höchsten Stand seit etwa 13 Jahren.
Auf den ersten Blick klingt das nach einer Erfolgsgeschichte. Doch die eigentliche Herausforderung liegt woanders. Die NATO erwartet von Deutschland mittelfristig eine Zielgröße von rund 260.000 Soldatinnen und Soldaten, also gut 70.000 mehr, als aktuell im Dienst stehen.
Hinweis: Hohe Abbrecherquote in der Probezeit
Trotz steigender Bewerberzahlen verlässt weiterhin rund ein Viertel der neu eingestellten Soldatinnen und Soldaten die Bundeswehr innerhalb der sechsmonatigen Probezeit wieder, überwiegend freiwillig. Das frisst einen erheblichen Teil des Zuwachses direkt wieder auf.
Trotz steigender Bewerberzahlen verlässt weiterhin rund ein Viertel der neu eingestellten Soldatinnen und Soldaten die Bundeswehr innerhalb der sechsmonatigen Probezeit wieder, überwiegend freiwillig. Das frisst einen erheblichen Teil des Zuwachses direkt wieder auf.
Genau hier schließt sich für mich der Kreis zu meinem Erlebnis in Brunstorf. Es reicht nicht, mehr Menschen für eine Bewerbung zu begeistern. Wer in der Probezeit wieder geht, wurde offensichtlich mit falschen oder zu vagen Erwartungen geworben und ein blutloser Messestand mit rotierendem Starterarm eine Flugabwehrsystems trägt dazu eher bei, als dass er dagegen hilft.
Aus meiner Sicht muss man die jungen Interessierten mit einer durchaus auch Action-geladenen, aber den Dienst realistisch abbildenden Darbietung ins Gespräch bringen und dann mit Details aus dem Alltag begeistern. Die Realität beim Patriot-Startgerät ist halt nicht, dass der Soldat den Starterarm ständig hin und her dreht, sondern ihn einmal pro Stellung in die sogenannte PTL (Primary Target Line) bringt.
Information: So sieht der Job am Patriot-Startgerät wirklich aus
- Startgerät an einen vorgegebenen Ort fahren
- Startgerät nivellieren
- Starterarm grob ausrichten
- Startgerät exakt einmessen (Position und PTL)
- Startgerät abtarnen
- sich vom Startgerät ausreichend weit entfernen und auf weitere Befehle, bspw. zum Verlegen oder Nachmunitionieren, warten
Ob da ein Patriot-System nun ein Wehrgerät ist, dass die jungen Menschen zum Wehrdienst bringt? Ich bezweifele das stark!
Fazit: So gewinnt man keinen Nachwuchs
Ein blutleerer Werbeauftritt wie der in Brunstorf, bei dem statt echter Erlebbarkeit nur ein rotierender Starterarm eines Flugabwehrraketensystems und ein wenig überzeugend auftretendes Standpersonal geboten werden, trägt aus meiner Sicht nicht dazu bei, diese Lücke zu schließen. Wer ehrliche, greifbare Nachwuchswerbung machen will, muss jungen Menschen wieder mehr zeigen als ein Wohnmobil mit Bagger im Schlepptau.
Der notwendige Aufwuchs der Bundeswehr wird so aus meiner Sicht jedenfalls keinesfalls gelingen.
Wie hast du solche Werbeauftritte der Bundeswehr erlebt? Warst du vielleicht selbst auch beim Trecker Treck in Brunstorf oder bei einer ähnlichen Veranstaltung dabei? Ich bin gespannt auf deine Eindrücke und deine Meinung dazu. Schreib mir deine Meinung gerne über mein Kontaktformular.
Ähnliche Beiträge
Über mich
Ich bin ein liebevoller Vater, Candourist, Stoiker, Agilist, Product Owner, Hauptmann der Reserve, Diplom-Kaufmann, ausgebilderter Verkehrspilot (ATPL-Credit) und Weitwanderer.
"Casa Buitoni" ist seit meiner Studienzeit mein Spitzname als passionierter Pasta-Konsument und somit Namensgeber meines Blogs.
"Casa Buitoni" ist seit meiner Studienzeit mein Spitzname als passionierter Pasta-Konsument und somit Namensgeber meines Blogs.
Serien