Same same but different

Freitag, 04. Dezember 2020
Serie The last dance S1 • E4
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Lesedauer: 5 Minuten

Nachdem ich mich in meinem letzten Post der The last dance-Serie der wohl schillerndsten und umstrittensten Figur der NBA-Geschichte angenommen hatte, möchte ich mich heute in diesem Post dem wohl krassesten Gegenpols der Meistermannschaft der Chicago Bulls annehmen.

🚨 🚫 Bevor du dies hier liest, möchte ich deutlich darauf hinweisen, dass ich hier über Inhalte der Dokumentation The last dance schreibe. Es besteht also Spoiler-Alarm!

In diesem Post soll es nun um einen Menschen gehen, der äußerlich und vom Verhalten her wirklich überhaupt nicht mit der schillernden Figur Dennis Rodmans vergleichbar ist. Es soll um den Rollenspieler Steve Kerr gehen.

Dabei braucht er sich überhaupt nicht hinter Rodman zu verstecken, denn auch er hatte es auf dem Weg in die NBA und zu den Bulls nicht einfach. Denn auch er verlor seinen Vater, wenngleich erst mit 18 Jahren und durch einen gewaltsamen Tod.

Er verlor seinen Vater unter ebenso unglücklichen Umständen wie Michael Jordan. Sein Vater Malcom Kerr war 1984 Präsident der American University of Beirut und wurde im Alter von 52 Jahren auf dem Flur vor seinem Büro von militanten, libanesischen Nationalisten mit zwei Kopfschüssen ermordet.

Kerr, dessen leben nach eigener Aussage bis dato eigentlich immer nur von einem positiven Umfeld geprägt war, vergrub sich als Freshman an der University of Arizona in das Basketball-Training und entwickelte dadurch vermutlich seine unglaubliche Treffgenauigkeit.

Unschön allerdings Szenen, die sich in einem anschließenden Spiel gegen den Konkurrenten der Arizona State University ereilten. Die gegnerischen Fans riefen diffamierend unter anderem immer wieder PLO.

Schwer getroffen und in Tränen überwand er förmlich angespornt dieses mehr als unsportliche Verhalten der gegnerischen Fans und erzielte allein in der ersten Halbzeit 20 Punkte und verwandelte dafür alle sechs seiner sechs Dreipunkt-Versuche! Eine Fähigkeit zur Fokussierung, die er später noch mehrfach spielentscheidend einsetzen würde.

Überraschend, dass Steve Kerr und Michael Jordan sich nie über ihr geteiltes Schicksal austauschten, wie Steve im Interview zur Dokumentation The last dance, immer noch sichtlich vom damaligen Verlust bewegt, sagte.

Michael Jordan nahm Steve Kerr nach seiner Rückkehr aus der Basketball-Rente zunächst nicht wirklich ernst. Halt einfach nur ein Rollenspieler... Das sollte sich nach Aussage von MJ dann aber förmlich schlagartig in einer Trainingssession ändern!

Es kam in einem Trainingsspiel zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden. Dabei wurde MJ handgreiflich und stieß Steve zu Boden. MJ rechnete nicht mit irgendeiner Reaktion dieses kleinen weißen Jungen.

Umso überraschter war er, als der kleine weiße Junge ziemlich schnell wieder auf den eigenen Beinen stand und nun unsanften körperlichen Kontakt mit ihm aufnahm! Mitspieler versuchten die Streithähne zu trennen und als dies gelang verwies Coach Phil Jackson MJ – den Star der Mannschaft, das Vorbild so vieler Basketballler – der Trainingssession.

MJ erkannte sein Fehlverhalten und entschuldigte sich noch am gleichen Tag telefonisch bei Steve. Aber MJ erkannte nicht nur seinen Fehler, sondern auch den Kämpfer in diesem kleinen weißen Jungen. MJ respektierte Steve ab diesem Tage!

Diesen Respekt gab MJ dann am Ende des letzten Finalrundenspiels der Saison 1996 – 1997 an Steve Kerr zurück. Beim Spielstand von 86:86 sprach MJ in einer Auszeit kurz mit Steve, der bis dato in der Serie förmlich die Lampen ausgeschlossen hatte und machte ihm verständlich, dass er in den letzten Spielsituationen immer von den Jazz-Spielern gedoppelt worden sei. Steve sei dabei dann immer weit offen gewesen. Auch die Utah Jazz nahmen den mittlerweile nicht mehr so kleinen weißen Jungen anscheinend nicht ernst...

MJ sagte Steve, er solle gleich bereit sein, denn wenn er in diesem letzten entscheidenden Spielzug erneut gedoppelt werde, würde er zu Steve passen. So kam es und Steve verwandelte den Championship-Winner.

Jordan, in der nachfolgenden Pressekonferenz darauf angesprochen, warum er als der Star-Spieler des Teams gar nicht den letzten, wichtigsten Wurf genommen hatte, antwortete mit einem breiten Grinsen im Gesicht, dass er Steve zu 100% traut und er sich sicher war, dass dieser den Wurf verwandeln würde. Und dann folgte der offizielle, verbale Ritterschlag mit der Aussage Tonight Steve Kerr earned his wings and I am happy for him!

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In der letzten Saison zeigte Steve Kerr dann sogar zwei Mal, wie wichtig er als Rollenspieler in dieser illustren Mannschaft war. So kam es in den Eastern Conference Finals bis zum Spiel sieben, in dem die gegnerischen Indiana Pacers um ihren Starspieler Reggie Miller die Bulls im letzten Viertel am Rande der Niederlage hatten.

Die Pacers hatten einen Spielzug initiiert, der bei erfolgreichem Abschluss, wie ein Dolchstoß hätte wirken können. Stattdessen kam es aber zum Rebound und der Ball landete an der Dreipunkte-Linie in den Händen von Steve Kerr. Er verwandelte mit nichts als Netz!

Reggie Miller sagte in der Dokumentation The last dance, dass durch diesen Dreier nicht nur drei Punkte auf das Punktekonto der Bulls gekommen seien, sondern sich das Momentum wendete! Reggie ist sich sicher, ohne diesen Dreier hätte das bessere Team – seines – gewonnen und wäre 1998 in die NBA-Finals eingezogen.

Stattdessen zogen die Bulls in die Finals ein und es kam zum Rematch mit den Utah Jazz. Auch hier spielte Kerr's Kämpfernatur wieder eine wichtige Rolle. Im zweiten Spiel der Serie vergab Steve kurz vor Schluss einen Dreipunktewurf. Er holte aber seinen eigenen Rebound – und das bei einer Körpergröße von nur 1,91m – passte zum offenen MJ, der die wichtigen drei Punkte erzielte und somit Spiel zwei für die Bulls gewann.

Wie das alles endete wissen wir ja nun. Es wurde der dritte Titel in Folge für die Bulls und das zum zweiten Mal! Damit aber nicht genug, denn Steve Kerr, der nach dem letzten Tanz und dem folgenden Zerbrechen dieses dominanten Teams nach San Antonio zu den Spurs getradet wurde, gewann direkt im ersten Jahr und dann noch 2001 zwei weitere Titel dort.

Und als wenn das nicht reichen würde, gewann er auch als Trainer bei den Golden State Warriors noch drei Titel. Wahrlich ein ganz ganz Großer des Basketballsports, der sicher nicht grundlos das Vertrauen des G.O.A.T.s gewonnen hatte...


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