Das Identitätsgefühl der Dänen im Vergleich
Dienstag, 15. September 2026
Es ist Sankt Hans Aften am Strand von Henne Strand und wie an jedem 23. Juni sind hier Hunderte Dänen und Deutsche zusammengekommen. Ich bin mittendrin.
Die Pastorin spricht und redet über Identität und wie unterschiedlich Deutsche und Dänen Identität verstehen. Eine Ansprache, die mich nachdenklich gemacht und zu diesem Beitrag inspiriert hat.
In diesem Beitrag nehme ich dich mit zu genau diesem Gedanken. Warum tragen deutsche Autokennzeichen die Herkunft ihrer Fahrer fast wie ein Wappen vor sich her, während man einem dänischen Nummernschild überhaupt nicht ansieht, ob sein Besitzer aus Kopenhagen oder aus Henne Strand kommt? Und was sagt das eigentlich über das Identitätsgefühl der Dänen im Vergleich zu uns Deutschen aus?
Kurze inhaltliche Übersicht
Bevor das Sankt Hans Feuer und damit die Hexe entzündet wurde, sangen alle gemeinsam ein dänisches Lied. Danach hielt die Pastorin eine kurze Ansprache an uns alle, zuerst auf Dänisch, dann auf Deutsch. Darin kam sie auf das Thema Identität zu sprechen und darauf, wie unterschiedlich sich das bei Deutschen und Dänen ausprägt.
Ein Satz bleibt mir seitdem im Kopf. Ihr Deutschen bezieht eure Identität immer auf euer Bundesland oder sogar euren Landkreis, während wir Dänen uns einfach als Dänen sehen. Das erkenne man ja schon an den Autokennzeichen. Nach einem zweiten gemeinsamen Lied wird das Sankt Hans Feuer entzündet, die Hexe geht in Flammen auf, der Rauch zieht über den Strand.
Ich habe erst gelacht, dann genickt und dann tagelang über die Worte der Pastorin nachgedacht. Sie hattte recht und gleichzeitig steckt in diesem kleinen Satz eine ziemlich große Beobachtung über zwei Nachbarländer, die auf den ersten Blick so ähnlich wirken und in ihrem Selbstverständnis doch absolut grundverschieden ticken.
Link: Mehr Informationen zum Sankt Hans Aften
Wenn dich interessiert, wie die Dänen Mittsommernacht und damit den Sankt Hans Aften feiern, findest du eine genaue Beschreibung und Erklärung in meinem Beitrag Sankt Hans Aften: So feiert Dänemark Mittsommer.
Wenn dich interessiert, wie die Dänen Mittsommernacht und damit den Sankt Hans Aften feiern, findest du eine genaue Beschreibung und Erklärung in meinem Beitrag Sankt Hans Aften: So feiert Dänemark Mittsommer.
Der Blick der Pastorin: Kennzeichen als Identitätsspiegel
In Dänemark ist das nämlich völlig anders und das nicht erst seit gestern. Bereits seit 1968 gibt es dort kein regionales Kennzeichensystem mehr, genau wie in Schweden und Finnland.
Ein dänisches Nummernschild besteht schlicht aus zwei Buchstaben und fünf Ziffern, fortlaufend vergeben, ohne jeden Bezug zu einer Region oder Stadt. Wer in Kopenhagen ein Auto zulässt, bekommt technisch gesehen dieselbe Art Kennzeichen wie jemand aus Henne Strand oder Skagen.
Was auf den ersten Blick wie eine reine Verwaltungsentscheidung wirkt, ist bei genauerem Hinsehen ein ziemlich treffendes Sinnbild. Denn während wir Deutschen offenbar ein Bedürfnis danach haben, unsere Herkunft öffentlich sichtbar zu machen, spielt diese Frage für die meisten Dänen im Alltag schlicht keine Rolle.
Information Selbst das Wunschkennzeichen bleibt ohne Regionalbezug
Auch in Dänemark gibt es Wunschkennzeichen, dort ønskenummerplader genannt. Zwischen zwei und sieben Zeichen können frei aus Buchstaben und Ziffern zusammengestellt werden, solange die Kombination noch frei ist und von der Motorstyrelsen als unbedenklich eingestuft wird.
Der Spaß kostet rund 9180 dänische Kronen (etwa 1230 Euro) für acht Jahre, danach wird für 8000 Kronen verlängert. Anders als in Deutschland, wo das Wunschkennzeichen weiterhin an den Regionalcode gekoppelt bleibt, verrät selbst das personalisierte dänische Schild meist keine Herkunft.
Auch in Dänemark gibt es Wunschkennzeichen, dort ønskenummerplader genannt. Zwischen zwei und sieben Zeichen können frei aus Buchstaben und Ziffern zusammengestellt werden, solange die Kombination noch frei ist und von der Motorstyrelsen als unbedenklich eingestuft wird.
Der Spaß kostet rund 9180 dänische Kronen (etwa 1230 Euro) für acht Jahre, danach wird für 8000 Kronen verlängert. Anders als in Deutschland, wo das Wunschkennzeichen weiterhin an den Regionalcode gekoppelt bleibt, verrät selbst das personalisierte dänische Schild meist keine Herkunft.
Deutsche Heimatverbundenheit: Woher kommt das Landkreis-Gefühl?
Um zu verstehen, warum uns Deutschen die Region so wichtig ist, lohnt sich ein Blick zurück. Deutschland ist als Nation vergleichsweise jung, seine Teile dafür umso älter und eigenständiger gewachsen.Föderalismus als historisches Erbe
Diese föderale Struktur hat sich bis heute im Grundgesetz erhalten, mit eigenen Landesregierungen, eigenen Schulsystemen und sogar eigenen Feiertagen. Kein Wunder, dass sich dieses Denken auch im Alltag festgesetzt hat.
Dänemark dagegen ist seit dem Mittelalter im Kern ein zusammenhängender, mal kleinerer, mal größerer Nationalstaat gewesen. Es gab dort schlicht nie eine vergleichbare Phase der politischen Zersplitterung, aus der ein starkes regionales Selbstbewusstsein hätte erwachsen können.
Dialekt, Tracht und Lokalpatriotismus
Quelle: l.o.: Quino Al auf Unsplash, r.o.: Paulina Herpel auf Unsplash, l.u.: Marek Mucha auf Unsplash, r.u.: cmophoto.ne t auf Unsplash
Ein Rheinländer tickt anders als ein Ostfriese und selbst ein Ostfriese tickt anders als ein Holsteiner oder ein Oberfranke im Vergleich zum Unterfranken. In allen Gegenüberstellungen würden das auch beide Parteien bestätigen. Diese Vielfalt wird bei uns eher gefeiert als überwunden, sei es beim Karneval, beim Oktoberfest oder beim plattdeutschen Theaterabend.
In Dänemark hingegen gibt es zwar auch regionale Eigenheiten (ein Jütländer tickt anders als ein Kopenhagener, so viel steht fest), doch diese Unterschiede werden viel seltener thematisiert oder zur Grundlage der eigenen Identität gemacht. Am Ende des Tages ist man einfach Däne und das reicht.
Dänische Identität: Ein Volk, eine Flagge, ein Gefühl
Beim Geburtstagskuchen, am Gartenzaun, auf dem Weihnachtsbaum, sogar auf dem Butterbrotpapier für den Kindergeburtstag oder beim Familien-Picknick am Badesee, wie auf dem vorherigen Bild. Kein nationaler Feiertag als Grundlage und niemand denkt sich dabei etwas Nationalistisches, es ist einfach ein warmes, positives Zugehörigkeitsgefühl.
Die Dänen selbst nennen dieses Gefühl Danskhed, das "Dänischsein". Es beschreibt weniger einen politischen Nationalstolz als vielmehr ein kollektives Lebensgefühl, das sich in Ritualen wie eben Sankt Hans oder dem Neujahressprung, in Traditionen wie der royalen Neujahresansprache und in einer bestimmten Art von Gelassenheit ausdrückt.
Danskhed und der Dannebrog im Alltag
Das hat auch mit der schieren Größe des Landes zu tun. Mit rund sechs Millionen Einwohnern ist Dänemark kleiner als so manches deutsches Bundesland. Vielleicht fällt es leichter, sich mit dem großen Ganzen zu identifizieren, wenn dieses Ganze so überschaubar bleibt.
Genau dieser Gedanke aus der Ansprache der Pastorin wir Dänen brauchen keine Landkreise, um zu wissen, wer wir sind, wir sind einfach Dänen bringt die ganze Sache auf den Punkt. Wo bei uns die kleinteilige Zugehörigkeit identitätsstiftend wirkt, reicht den Dänen offenbar das große, gemeinsame Wir.
Was ich in vier Jahrzehnten Dänemark gelernt habe
Diese Gelassenheit gegenüber der eigenen Herkunft färbt auf viele andere Lebensbereiche ab.
Man erkennt sie am Umgang miteinander, an der Direktheit im Gespräch, aber auch an einer gewissen Zurückhaltung, wenn es um Statussymbole geht. Ein teures Auto mit einem besonders schicken Kennzeichen beeindruckt in Dänemark deutlich weniger als anderswo, was angesichts der fehlenden Regionalkennung ja auch konsequent ist.
Am Ende bleibt für mich das Gefühl, dass die Dänen ihre Identität aus dem Gemeinsamen ziehen, während wir Deutschen sie oft aus dem Unterschied zu anderen Regionen im eigenen Land beziehen. Beides hat seinen Charme, beides erzählt viel über die jeweilige Geschichte.
Fazit: Kennzeichen, Kultur und was wirklich zählt
Das passt zu einem Land, das sein Zusammengehörigkeitsgefühl eher aus der Nation als aus der Region zieht.
Deutschlands föderale Geschichte, seine kulturelle Vielfalt und seine schiere Größe können erklären, warum bei uns die Region oft näher liegt als die Nation.
Die überschaubare Größe Dänemarks und das Konzept der Danskhed erklären wiederum, warum sich Dänen einfach als Dänen fühlen, ganz ohne Umweg über den Landkreis.
Wenn dich solche kleinen, aber feinen Unterschiede zwischen Deutschland und Dänemark genauso faszinieren wie mich, dann schau gerne öfter hier vorbei oder schreib mir deine eigenen Beobachtungen. Über das Kontaktformular erreichst du mich jederzeit. Ich freue mich auf den Austausch mit dir.
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Über mich
Ich bin ein liebevoller Vater, Candourist, Stoiker, Agilist, Product Owner, Hauptmann der Reserve, Diplom-Kaufmann, ausgebilderter Verkehrspilot (ATPL-Credit) und Weitwanderer.
"Casa Buitoni" ist seit meiner Studienzeit mein Spitzname als passionierter Pasta-Konsument und somit Namensgeber meines Blogs.
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