Boarding-Methoden im Vergleich: Die Steffen-Methode

Dienstag, 23. Juni 2026
Serie Luftfahrt S4 • E1
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Quelle: Chris Brignola auf Unsplash
Lesedauer: 13 Minuten

Wer regelmäßig fliegt, kennt das Gefühl. Du stehst am Gate, die Boarding-Gruppe wird aufgerufen und kurz darauf stehst du im engen Flugzeuggang, umgeben von Menschen, die ihr Handgepäck in überfüllte Gepäckfächer zwängen, Rucksäcke in alle Richtungen schwingen und scheinbar vergessen haben, dass noch dreißig Passagiere hinter ihnen warten. Die Uhr tickt, das Flugzeug soll längst rollen und du fragst dich, ob das wirklich so sein muss?

In diesem Beitrag nehme ich die gängigsten Boarding-Methoden unter die Lupe und stelle dir die Steffen-Methode vor – ein wissenschaftlich entwickeltes Verfahren, das auf dem Papier beeindruckend klingt, in der Praxis aber auf ein Problem stößt, das kein Algorithmus lösen kann: den Menschen selbst. Am Ende kannst du dir selbst ein Urteil bilden.

Kurze inhaltliche Übersicht




Ich frage mich das schon seit Jahren, ob sich das Boarding eines Luftfahrzeuges nicht effizienter gestalten lässt. Als jemand, der selbst eine Ausbildung zum Berufspiloten absolviert hat und die Luftfahrt von innen kennt, sehe ich beim Boarding nicht nur einen lästigen Teil der Reise, ich sehe ein organisatorisches Problem, das jahrzehntelang unterschätzt wurde. Denn Zeit am Boden kostet Airlines echtes Geld und jede Minute, die ein Flugzeug länger am Gate steht, ist eine verlorene Minute.

Dabei gibt es längst ausgeklügelte Konzepte, die das Boarding deutlich effizienter machen könnten. Das bekannteste davon stammt von einem Mann, der eigentlich gar nichts mit der Luftfahrt zu tun hat. Aber genau deshalb vielleicht den klarsten Blick auf das Problem hatte.


Die gängigen Boarding-Methoden im Überblick

Bevor wir uns der Methode dieses Mannes, der sogenannten Steffen-Methode, widmen, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Verfahren, die heute tatsächlich an den Gates der Welt eingesetzt werden oder zumindest eingesetzt werden sollten. Denn zwischen Theorie und Gatepraxis liegen manchmal Welten.


Random Boarding – Freie Fahrt für alle

Beim Random Boarding steigen Passagiere in beliebiger Reihenfolge ein. Es gibt keine feste Zonenaufteilung, keine Reihenreihenfolge. Klingt chaotisch, ist aber laut Forschung überraschend effizient. Der Grund dafür ist, dass sich die Passagiere über die gesamte Länge des Flugzeugs verteilen. So entstehen weniger Staus im Gang als beim klassischen Zonenboarding. Das Problem ist nur, dass das dieses Random Boarding in der Praxis oft bedeutet, dass alle gleichzeitig drängen und jeder seine Gruppe doch irgendwie zuerst durchzusetzen versucht.

So funktioniert Random Boarding – Schritt für Schritt

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Back-to-Front – Der Klassiker, der keiner sein sollte

Back-to-Front ist das Verfahren, das die meisten Passagiere kennen und das die meisten Airlines heute noch nutzen. Zuerst die hinteren Reihen, dann schrittweise nach vorne. Die Idee klingt logisch. Wer hinten sitzt, steigt zuerst ein und läuft nicht an bereits sitzenden Passagieren vorbei. In der Praxis entpuppt sich das Verfahren jedoch als das langsamste überhaupt und selbst die Mythbusters-TV-Sendung hat das 2014 experimentell bestätigt. Der Grund liegt darin, dass alle Passagiere einer Zone gleichzeitig auf dieselben Gepäckfächer treffen, sich auf engsten Raum drängen und sich so gegenseitig blockieren. Der Gang wird zur Warteschlange mit menschlichen Hindernissen.

So funktioniert Back-to-Front – Schritt für Schritt

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Hinweis: Warum Back-to-Front so hartnäckig überlebt

Obwohl Back-to-Front wissenschaftlich als eine der langsamsten Methoden gilt, nutzen viele Airlines sie weiterhin – aus einem simplen Grund: Sie ist leicht kommunizierbar, leicht zu kontrollieren und für Passagiere intuitiv verständlich. Effizienz ist eben nicht immer das einzige Kriterium.


Outside-In – Logisch, aber unbequem

Das Outside-In-Verfahren – auch Window-Middle-Aisle genannt – folgt einer bestechend einfachen Logik. Zuerst steigen alle Fensterplatz-Passagiere ein, dann die Mittelreihen, zuletzt die Gangplätze. So muss niemand aufstehen, damit ein Sitznachbar durchkommt, was wiederum einen häufigen Zeitfresser beim Boarding darstellt.

Das Verfahren ist nachweislich deutlich schneller als Back-to-Front. Der Haken dabei ist aber, dass wer als Pärchen oder Familie reist und unterschiedliche Sitzplatzkategorien hat, beim Einsteigen getrennt wird. Das ist für Airlines schwer zu kommunizieren und für Passagiere oft kaum akzeptabel. Lässt sich aber durch das bevorzugte Vorabeinsteigen von Familien mit kleinen Kindern gut entschärfen.

So funktioniert Outside-In – Schritt für Schritt

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WILMA – Der Kompromiss zwischen Theorie und Praxis

WILMA steht für Window – Middle – Aisle und ist im Grunde die strukturierte Variante des Outside-In-Verfahrens, bei der die Sitzplatzkategorien in festen Wellen nacheinander aufgerufen werden. United Airlines oder auch die Lufthansa haben dieses Verfahren eingeführt und sparen damit nach eigenen Angaben rund zwei Minuten pro Boarding-Vorgang. Das klingt erstmal nach wenig, Aber bei hunderten Flügen täglich summiert sich das zu echten Kosteneinsparungen. WILMA gilt unter Fachleuten als guter Kompromiss. effizienter als Back-to-Front, praktikabler als die Steffen-Methode.

So funktioniert WILMA – Schritt für Schritt

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Die Steffen-Methode – Boarding nach Physiker-Art

Hier wird es richtig interessant. Jason Steffen ist kein Luftfahrtexperte. Er ist Astrophysiker und genau das macht seinen Ansatz so besonders. Als ihn 2008 eine Warteschlange am Flughafen mal wieder zur Weißglut trieb, tat er das, was Physiker eben tun. Er formulierte das Problem mathematisch und löste es mit einem Optimierungsalgorithmus.

Zitat von Jason Steffen

It would basically be like every other row starting from the back of the plane. Everyone can put their luggage away without stepping on each other. And then everybody sits down and gets out of the way for the next group of people that come on board.


Wie funktioniert die Steffen-Methode genau?

Das Grundprinzip der Steffen-Methode lässt sich so zusammenfassen. Benachbarte Passagiere in der Warteschlange sitzen immer zwei Reihen voneinander entfernt und zwar zunächst alle Fensterplätze, beginnend von hinten, aber in Zweier-Abständen. Konkret heißt das, die erste Welle sind die Fensterplätze der Reihen 30, 28, 26, 24 und so weiter bis nach vorne. Zweite Welle die Reihen 29, 27, 25 und damit durch die erste Welle entstandenen Lücken. Danach folgen Mittelplätze und schließlich Gangplätze, jeweils in derselben versetzten Reihenfolge.

Der entscheidende Vorteil dabei ist, dass die Passagiere in der Schlange immer zwei Reihen voneinander entfernt sind. So haben sie gleichzeitig Platz im Gang, um ihr Handgepäck zu verstauen und das ohne sich gegenseitig zu blockieren. Mehrere Menschen können parallel ihre Gepäckfächer benutzen, statt nacheinander aufeinander zu warten.

So funktioniert die Steffen-Methode – Schritt für Schritt

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Was sagt die Wissenschaft?

Steffen hat seine Methode nicht nur am Computer simuliert, sondern auch physisch mit einem nachgebauten Boeing-757-Rumpf, 12 Sitzreihen und 72 Testpassagieren getestet. Das Ergebnis war eindeutig. Die Steffen-Methode war doppelt so schnell wie Back-to-Front und noch 20 bis 30 Prozent schneller als Random Boarding. Das veröffentlichte er 2008 im Journal of Air Transport Management und zwar peer-reviewed, belastbar, wissenschaftlich solide.

Tipp: Für Vielfliegende interessant

Wenn du das nächste Mal boardest, beobachte bewusst, welches Verfahren deine Airline nutzt und achte darauf, wie viele Passagiere sich trotzdem nicht daran halten. Das sagt oft mehr über die Methode aus als jede Studie.


Mein Vueling-Erlebnis: Als De-Boarding plötzlich funktionierte

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Quelle: Pourya Gohari auf Unsplash
Ich war bisher noch nie dabei, wenn Steffen tatsächlich angewandt wurde. Die Methode ist bis heute nämlich bei keiner Airline im regulären Einsatz. Aber ich hatte einmal ein Erlebnis, das mich zumindest ahnen ließ, wie es sich anfühlen könnte, wenn Ordnung im Sinne von Back-to-Front wirklich durchgesetzt wird.

Es war ein Vueling-Flug von Hamburg nach Barcelona. Kaum hatten wir die Parkposition erreicht, meldete sich die Kabinenbesatzung über die Lautsprecher – nicht mit den üblichen Hinweisen auf das Sicherheitsgurt-Zeichen, sondern mit einer klaren Durchsage. Das Verlassen des Flugzeugs würde abschnittsweise von vorne nach hinten erfolgen. Immer drei Reihen im Block. Und die Crew meinte das ernst. Sie beobachteten das Geschehen sehr genau und machten immer wieder sehr deutliche Ansagen unter Nutzung des Imperativ.

Was dann passierte, war für mich als Luftfahrt-Enthusiast fast surreal. Es funktionierte. Kein Drängeln, kein Aufstehen bevor man dran war, kein Chaos im Gang. Die Menschen stiegen ruhig, zügig und geordnet aus. Ich saß selbst ziemlich weit hinten und wartete. Aber das Warten fühlte sich nicht chaotisch an, sondern absehbar. Man wusste, wann man dran war. Dieses eine Erlebnis hat mir mehr über den Wert von konsequent durchgesetzter Boarding-Ordnung beigebracht als jede wissenschaftliche Studie.

Das Problem in der Realität ist eben nicht das Verfahren selbst. Es ist die mangelnde Disziplin bei der Umsetzung. Passagiere, die sich nicht an ihre Boarding-Gruppe halten, Handgepäck-Verstauer, die den halben Gang blockieren, oder einfach die fehlende Bereitschaft, einen Moment zu warten. Kein Algorithmus der Welt schützt davor.


Der direkte Vergleich: Welche Methode ist wirklich besser?

Auf dem Papier ist die Antwort bzgl. der besten Methode klar. Die Steffen-Methode gewinnt, zumindest was die reine Zeiteffizienz betrifft. Aber sie hat einen fundamentalen Schwachpunkt, den ihre Kritiker zu Recht benennen.

Sie setzt eine nahezu perfekte Organisation voraus. Passagiere müssen exakt in der richtigen Reihenfolge in der Warteschlange stehen, gleichmäßig vorgehen und ihr Gepäck in gleichmäßiger Zeit verstauen. Familien, Reisegruppen und all jene, die zusammen sitzen wollen, werden auseinandergerissen.

WILMA ist in der Praxis der vernünftigere Kompromiss, weil einfacher zu kommunizieren, deutlich schneller als Back-to-Front und kompatibel mit dem menschlichen Verhalten. Random Boarding funktioniert überraschend gut, solange Passagiere wirklich gleichmäßig verteilt einsteigen, was ohne aktive Steuerung selten passiert. Back-to-Front hingegen ist schlicht das schlechteste aller Verfahren, hält sich aber aus nachvollziehbaren Gründen hartnäckig in der Praxis.

Die ehrliche Antwort auf diese Frage lautet also, die beste Methode ist die, die konsequent durchgesetzt wird und zwar egal welche. Und das erfordert nicht nur ein cleveres System, sondern auch eine Crew, die bereit ist, es mit Überzeugung umzusetzen. Wie bei Vueling.

Link: Mehr zum Thema Effizienz in der Luftfahrt

Wenn dich das Thema Effizienz und Abläufe in der Luftfahrt interessiert, schau dir auch meine anderen Beiträge aus der Luftfahrt-Serie an – dort gehe ich auf viele weitere Aspekte ein, die Passagiere oft nicht sehen.


Fazit: Theorie trifft Realität

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Quelle: JC Gellidon auf Unsplash
Die Steffen-Methode ist ein faszinierendes Gedankenexperiment, wissenschaftlich wasserdicht, mathematisch elegant und in kontrollierten Tests tatsächlich stark überlegen. Aber sie ist auch ein perfektes Beispiel dafür, wie eine optimale Lösung an der menschlichen Realität scheitert. Kein Passagier wartet gerne darauf, bis er genau an der Reihe ist, wenn der Gang frei zu sein scheint.

WILMA und Outside-In sind die besseren Kompromisse für die Praxis und selbst die funktionieren nur, wenn sie konsequent umgesetzt werden. Mein Vueling-Erlebnis hat mir gezeigt, dass mit einem engagierten Kabinenpersonal selbst das einfachste Verfahren effizienter ist als das cleverste, das niemand einhält.

Was mich persönlich am meisten beschäftigt ist, dass die Luftfahrtbranche seit mindestens 2008 weiß, wie Boarding besser funktionieren könnte. Und doch steht man 2026 noch immer am Gate und schaut wartend auf dasselbe Chaos.


Hat dich dieser Beitrag zum Nachdenken gebracht – oder hattest du selbst schon ein besonders eindrucksvolles (oder frustrierendes) Boarding-Erlebnis? Ich freue mich auf deinen Austausch! Schreib mir einfach über mein Kontaktformular – ich antworte persönlich.


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Ich bin ein liebevoller Vater, Candourist, Stoiker, Agilist, Product Owner, Hauptmann der Reserve, Diplom-Kaufmann, ausgebilderter Verkehrspilot (ATPL-Credit) und Weitwanderer.

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