Bataan-Marsch

14.04.2018 | White Sands

In Texas trägt man einen Stetson-Cowboy-Hut.
Heute ist ein besonderer Jahrestag, an den ich euch mit einem Rückblick teilhaben lassen möchte. Heute ist es auf den Tag genau 16 Jahre her, dass ich meinen ersten und letzten Marathon lief. Und dieser Marathon war nicht irgendein Marathon. Es ist bis heute einer der härtesten Marathons, den man weltweit laufen kann. Aber erst mal alles auf Anfang.

Ende 2001 hatte ich kurz vor Abschluss einer sehr erfolgreichen Grundausbildung als Zugführer das Glück, von meinem Bataillonskommandeur als Delegationsleiter unseres Teams für den Bataan-Memorial-Death-March 2002 in White Sands (New Mexico) ausgewählt zu werden. Nur war das natürlich kein Glück, sondern angesichts einer hervorragenden Führungsleistung wohl verdient und als Belohnung gedacht... Jetzt denkt ihr zu Recht: Teilnahmepflicht an einem der härtesten Marathons der Welt als Belohnung? Ja, so war es gedacht!

Als Delegationsleiter war ich natürlich auch für die Vorbereitung zuständig und nach zahlreichen Gesprächen mit Absolventen dieses Wüsten-Marathons, erstellte ich einen Trainingsplan und erkämpfte mir und den anderen sechs Team-Mitgliedern 3 Mal eine Stunde Trainingszeit pro Woche im Rahmen unserer eigentlich anders geplanten Dienstzeit. Wir durchliefen dabei ein Training, dass Dauerläufe in unterschiedlichen Tempi und Streckenlängen, wie auch Fahrtspiele, Totenkopfschwimmen und bewusste Erholungsphasen in Schwimmbädern und der Sauna vorsah.


Ein kurzer Besuch in Ciudad Juarez - ein Gefühl wie auf dem Set von From dusk till dawn.
Nach vier Monaten Vorbereitungsphase ging es dann dienstlich nach El Paso (Texas), wo wir vor dem eigentlichen Wettkampf noch ein paar Tage zum Training und zur Akklimatisierung hatten. Mitten in der Nacht des 14. April 2002 ging es dann los und wir folgten einem uralten Ritual unseres Bataillons, in dem wir uns um vier Uhr morgens in einem bestimmten Diner auf dem Weg zur Rennstrecke Blaubeer-Pancakes mit Speck und einen riesengroßen frisch gepressten Orangensaft reinzogen.


Weiß, weißer, am weißesten - ohne Sonnenbrille geht in White Sands gar nichts.
Bei Sonnenaufgang dann vor dem Start noch ein ganz besonderes Zeremoniell. Der Bataan-Memorial-Death-March wird in Erinnerung der 1942 auf den Philippienen durch amerikanische Kriegsgefangene im Zuge des Bataan Todesmarsches erlittenen Kriegsverbrechen ausgerichtet, zu dem die noch lebenden Veteranen extra eingeflogen werden, um diese zu Ehren. In dem Zeremoniell wurden die Namen einiger Überlebender und einiger Gefallener ausgerufen. Die anwesenden Veteranen riefen dann laut: Present Sir! Bei den Gefallenen: Totenstille. Das geht unter die Haut, zumal sich kurz vorher noch die Nachricht verbreitet hatte, dass ein Veteran nur drei Stunden zuvor vor Ort verstorben war!

Gegen 6:00 Uhr ging es dann bei aufgehender Sonne auf die 26,2 Meilen (42,16 km) lange Wettkampfstrecke. Eine Wettkampfstrecke, die es wirklich in sich hat. Die Distanz ist für viele schon hart, dazu kommen aber noch 800 zu überwindende Höhenmeter, sowie 40° Celsius, knallige Sonne und auf einem etwa 2000m langen Teilabschnitt knöcheltiefer weicher Sand. Und als wenn das alles nicht schon hart genug wäre, durften wir das auch noch in Gefechtsausrüstung absolvieren!


Startaufstellung für den Bataan Memorial Death March 2002.
Wir liefen einfach unser Rennen, mit unseren ganz eigenen Problemen wie Blasen, Dehydrierung,... Dabei überholten wir immer wieder andere Teams. Teams der Marines, der Special Forces, der Wüstendivision und sogar der Navy Seals! Irgendwie war es witzig zu sehen, wie ein Navy Seal Unmengen an Gatorade wieder ans Tageslicht retournierte. Man sah das Navy Seal Emblame auf seiner Brust und traute seinen Augen kaum! Auf den letzten paar Meilen waren wir dann ziemlich allein unterwegs. Kein Team vor uns, kein Team hinter uns in Sichtweite... So machten wir kurz vor der Ziellinie sogar noch ein Gruppenfoto. Als wir dann nach 5 Stunden und 44 Minuten mit einer amerikanischen und einer deutschen Flagge von den Zuschauern gefeiert durch das Ziel liefen, ahnte niemand von uns, was wir da außer der Absolvierung an sich geleistet hatten.


Der wegen des knöcheltiefen Sandes härteste Streckenabschnitt nach etwa 3/4 der Gesamtstrecke.
Wir genossen die Tatsache, unter einem Baum noch eines der wenigen schattigen Plätzchen abbekommen zu haben, als unser Verbindungsunteroffizier aus El Paso uns den Tipp gab: Schaut euch die Siegerehrung an. Das ist eine echte Show! Nichts ahnend setzten wir uns in das riesige Zelt und lauschten der Siegerehrung als plötzlich irgendwas einerseits vertrautes aber irgendwie nicht richtig ausgesprochenes über die Lautsprecher ertönte: Third place goes to Team Pz Fla Rak L Btl G 10. G 10? Meinen die uns? Nein, kann nicht sein. So gut waren wir doch nie im Leben! Der Name wurde noch mal ausgerufen und gefragt, ob noch irgendjemand von dieser deutschen Mannschaft, die für so ein schönes Zieleinlaufbild gesorgt hatte, anwesend sei? Unser Verbindungsunteroffizier war plötzlich laut rufend zu hören: Schneider, das seid ihr!! Wir standen fragend auf, es wurde applaudiert und wir liefen vor auf unseren Platz auf dem Treppchen. Wie geil?! Was für eine Überraschung?!

Unser Verbindungsunteroffizier wusste von unserem Ergebnis und hatte keinem was davon gesagt! Seine Begründung später: Ihr habt mich ja nicht gefragt. Ich konnte es aber nicht zulassen, dass ihr nicht zu eurer eigenen Siegerehrung geht! Was für eine coole Sau?! Unsere Dankbarkeit ist ihm dafür jedenfalls bis heute sicher!!


Endspurt - noch eine Meile bis zum Ziel.
Am Abend des Rennens feierten wir unseren Erfolg, so gut es unsere Verfassung zuließ, mit viel Cola, einer Gallone Bacardi-Rum und einiger Paletten Budweiser-Bier. Dabei kam das Gespräch auch auf den Ergebnis-beeinflussende Fakt, dass unser Koch beim 800m-Aufstieg dehydriert war und das wir alle unter der Tatsache gelitten hatten, dass unsere dunkelgrüne Tarnausrüstung die Sonnenenergie wunderbar an unsere Körper weitergegeben hatte. Diesbezüglich bin ich selbst heute noch sehr enttäuscht von der Tatsache, dass ich meiner Fürsorgepflicht folgend genau zur Vermeidung dieser Tatsache den Empfang der hellen, atmungsaktiven Wüstentarnausrüstung beantragt hatte und dieser Antrag mit der Begründung unnötig abgelehnt worden war. Das Team auf Platz 2 war nur 20 Minuten vor uns. Ohne die Dehydrierung unseres Kameraden und dem daraus resultierenden Mitschleppen von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation über mehr als 1/4 der Gesamtstrecke hätten wir vielleicht sogar den 2. Platz belegen können.


Eine große Ehre! Nur die ersten drei Teams bekommen ein Foto mit der Bataan Statue "The batteling bastards of Bataan; No Mama, no Papa, no Uncle Sam.
Aber hätte, hätte, Fahrradkette... Platz 3 war auch ein riesen Erfolg und ist inklusive der Zeit bis heute das beste Ergebnis einer Heeres-Mannschaft der Bundeswehr bei diesem Wüsten-Marathon.

Acht Tage später, erreichte das Büro meines Bataillonskommandeurs ein Fax, das von allerhöchster Stelle an alle Kommandeure der deutschen Mannschaften ging. Darin wurde ein halbes Jahr nach den schrecklichen Ereignissen des 11. September in New York City festgestellt, in welch besonderer und eindrucksvoller Weise der Anspruch unseres Landes auf Anteilnahme, internationale Verantwortung und Unterstützung der Völkerverständigung durch die Teilnehmer unterstrichen wurde. Besonders hervorzuheben sei die Leistung der Marschgruppe des PzFlaRakLBtl 610 unter Führung von OLt Tim Schneider. Diese verdiene Lob und Anerkennung und es wird ein Sonderurlaub in Höhe eines Tages empfohlen. Wir bekamen zwar alle eine Kopie dieses Faxes aber keinen Tag Sonderurlaub. Frei nach dem Motto des Bataan-Memorial-Death-March: No Mama, no Papa, no Uncle Sam!

Kündigung

01.04.2018 | Escheburg
Nachdem ich immer weniger Spaß an meiner aktuellen Arbeit empfinde und mir meine Tochter durch das Känguru immer wieder grundlos vorenthalten wird, gibt es für mich keinen Grund mehr, hier im Raum Hamburg zu bleiben. Ich habe mich daher nun schweren Herzens entschlossen, mein Leben hier in Norddeutschland hinter mir zu lasssen und ein neues aufregendes Leben im Raum München zu beginnen. Dort bietet sich mir eine unglaublich interessante berufliche Option, zu deren Nutzung ich mich jetzt durchgerungen habe. Dazu hab ich am letzten Donnerstag, drei Tage nach meinem PO-Kollegen meine Kündigung eingereicht und freue mich nun ab 01.07.2018 auf meine neue Herausforderung als PO in Bayern.
WAS ICH NOCH ZU BIETEN HABE